Das Beben der kurzen Stunden: Wie 0DTE-Optionen den Markt verändern
0DTE-Optionen revolutionieren die Marktdynamik. Erfahre, wie diese Tages-Wetten durch das extreme Hedging der Market Maker für heftige Kurssprünge sorgen – und warum das tägliche Auslaufen der Kontrakte über Nacht das gesamte Spielfeld an der Börse neu ordnet.
Liebe Trader/innen,
Hast Du Dich in letzter Zeit gewundert, warum die Börsenkurse innerhalb weniger Stunden oft wie eine Achterbahn reagieren, nur um am nächsten Tag völlig neu zu würfeln? Die Antwort liegt oft in einem Phänomen namens 0DTE-Optionen. Hier erfährst Du, warum diese „Tages-Wetten“ die neue Macht am Parkett sind.
Was ist das eigentlich?
Stell Dir vor, Du könntest eine Versicherung für Dein Haus abschließen, die nur für die nächsten acht Stunden gilt – und das für den Preis eines Kaffees. Genau das sind 0DTE-Optionen (Optionen mit null Tagen Restlaufzeit). Es sind Verträge, die am selben Tag, an dem sie gehandelt werden, bereits wieder verfallen.
Die Geschichte: Vom Nischenprodukt zum Massenmarkt
Was als Werkzeug für Profis begann, hat den Handel grundlegend verändert:
2005: Einführung von wöchentlichen Optionen auf den S&P 500 Index. Zunächst gab es nur einen Verfallstag pro Woche (Freitag).
2016–2022: Die Frequenz wurde schrittweise erhöht. Es kamen Montage und Mittwoche hinzu.
Mai 2022: Der Durchbruch. Es gibt nun für jeden Wochentag auslaufende Kontrakte auf große Indizes.
2023: Ausweitung auf Einzelaktien. Seither können Anleger auch auf Tagesbewegungen von Schwergewichten wie Tesla oder Nvidia wetten.
Heute machen diese kurzfristigen Wetten oft über 40 % des gesamten Handelsvolumens im wichtigsten US-Aktienindex aus.
Spekulation gegen Absicherung
Zwei Lager treffen hier aufeinander:
Privatanleger: Nutzen diese Instrumente meist zur Spekulation. Mit minimalem Einsatz hoffen sie auf eine massive Kursbewegung innerhalb weniger Stunden. Es ist wie ein Lottoschein mit hoher Gewinnchance, aber kurzem Haltbarkeitsdatum.
Market Maker: Sie sind die Gegenseite. Wenn Du eine Option kaufst, verkauft der Market Maker sie Dir. Er will nicht wetten, sondern Gebühren verdienen. Um das Risiko auszugleichen, muss er sich absichern.
Die Marktdynamik: Warum der Tag endet, aber alles verändert
Hier liegt der Schlüssel zu den hohen Schwankungen. Market Maker müssen ihre Positionen ständig mathematisch neutral halten. Wenn der Markt steigt, zwingen die Kennzahlen der Optionen (das Risiko aus Preisänderungen und Zeitwert) die Market Maker dazu, im großen Stil Aktien oder Terminkontrakte nachzukaufen.
Der Beschleuniger am Tag: Da diese Optionen extrem schnell an Wert gewinnen oder verlieren, müssen Market Maker oft aggressiv in die Richtung handeln, in die der Markt ohnehin schon läuft. Das wirkt wie Benzin im Feuer und sorgt für die heftigen Kurssprünge während der Handelsstunden.
Der Neustart über Nacht: Das Besondere ist die totale Bereinigung: Am Abend verfallen alle diese Optionen. Das massive Risiko, das die Market Maker den ganzen Tag über managen mussten, verschwindet schlagartig. Am nächsten Morgen ist das Spielfeld leer. Da die alten Absicherungen nicht mehr nötig sind, kann die Marktstimmung sofort komplett kippen. Ein Markt, der gestern künstlich nach unten gedrückt wurde, kann am nächsten Morgen befreit nach oben schießen.
Fazit
Die Positionierung der Market Maker am Optionsmarkt ist heute einer der wertvollsten Indikatoren für Dich als Anleger. In einer Zeit, in der das gehandelte Volumen am Optionsmarkt den eigentlichen Aktienmarkt wertmäßig um ein Vielfaches übersteigt, sind Optionen nicht mehr nur ein Beiboot, sondern der Ozeandampfer, der die Richtung vorgibt.
Happy Trading,
Patrik
